
Westfälische Nachrichten, Münsterland, 08.08.2012
Peer Christian Stuwe glänzte im Heckentheater mit selbst komponierten Liedern. (Lienen-Kattenvenne)
Ein Konzert mit Tiefgang.
Seine Lieder haben Tiefgang, sind also anspruchsvoll. Im Heckentheater findet Peer Christian Stuwe mit der Band „3Mann“ sein Publikum. Da stören auch einige Regentropfen nicht.
Von Axel Engels
Von der Musik der Gruppe „3Mann“ ließ sich sogar der Wettergott besänftigen, spendete den Künstlern und dem Publikum nach der Pause sogar einige Sonnenstrahlen.
Für die Liebhaber feiner von Hand gemachter Musik in bester Liedermacher-Tradition war die Begegnung mit der Gruppe „3Mann“ sicherlich eine Bereicherung des eigenen Horizontes.
Dieses Konzert war unterhaltsam mit ausgesprochenem Tiefgang. Die Kunsthistorikerin Ingrid Raschke-Stuwe stellte in ihre Begrüßung diesen Aspekt hervor, bot einen einfühlsamen Einblick in das Schaffen von „3Mann“.
Das Konzert mit Liedern und Texten aus der Feder des in Saerbeck lebenden Künstlers Peer Christian Stuwe war allerdings keine „leichte“ Kost. Zu Oberflächlichkeit und Phrasendrescherei wird er sich sicherlich nie verleiten lassen. Mit klarem Blick schaut er auf die Dinge. Er hat eine Begabung, Erfahrungen, Gefühle oder Sachverhalte in Worte umzusetzen. Mit Willi Kleigrewe und Hermann Ueding hatte er sensible Musiker zur Seite.
Dieses Konzert mit neuer deutscher Lyrik zeigte meist autobiografisch Peer Christian Stuwe als schriftstellerisch ambitionierten Künstler, dessen starke Ausdruckskraft auch in dieser Form seinen Weg gefunden hat. Den Vergleich mit professionellen Liedermachern braucht diese Formation nicht zu scheuen.
Gebannt lauschte das Publikum unter Regenschirmen den drei Musikern, nur im ersten Teil war man da bei Beifallskundgebungen etwas eingeschränkt. Von der dramatischen „Sintflut“, dem süffisanten „Sommer“ und dem „Motorradlied“ bis zum unter die Haut gehenden „Tango surreale“ reichte die Bandbreite der Lieder. Gesellschaftskritik erschien wie beim „Leisetreter-Blues“, dem spritzigen „Karriere machen“, dem erschütternd nahen „Verfolgungswahn“ oder der „Eisenzeit“ in einem ganz lebendigen Gewand.
Fürs Herz gab es ohne übertriebene Sentimentalität „Sie hat mich verlassen“ und eine wohl nur im übertragenen Sinne gemeinte Liebeserklärung bei „Tankstelle, ich liebe Dich“. Hier zeigte Peer Christian Stuwe, dass Melancholie und Tiefe auch ohne äußere Effekte wirken können.
Für den mehr leichteren Gebrauch eigneten sich „Testosteron“, „Girls“ oder das „Motorradlied.“ Es sprudelte beim Song „Sommer“ der feinsinnige Humor aus jeder Passage. Allerdings ging es auch bei diesen Liedern bei hohem Unterhaltungswert nicht seicht zu.
Die Saitenkünste der drei Musiker ergänzten sich, hatte jeder im musikalischen Dialog den passenden Part. Peer Christian Stuwe in der „Doppelrolle“ als Sänger und Gitarrist war in der Saitenfraktion für die rhythmische Untermalung zuständig, Willi Kleigrewe glänzte mit seiner ausgefeilten Spielweise, und den genau passenden Grund in diesem ausgewogenen musikalischem Fluss besorgte der Bassist Hermann Ueding. So erhielt jedes Lied ein markantes Gewand, bildeten Text und Musik eine bewegende Einheit.
Das Publikum folgte Peer Christian Stuwe in die verschiedenen Welten bei einem Konzert, das eben keine Alltagskost präsentierte. Mitdenken und Mitempfinden waren an diesem Morgen gefordert.
Das Heckentheater hat mit der Verpflichtung dieser Gruppe wiederum sein Gespür für Qualität bewiesen – und den vielen Musikfreunden einen inspirierenden Morgen bereitet.
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Westfäliche Nachrichten, 14.06.2011
Peer Christian Stuwe kennt man als Maler und Bildhauer. Jetzt tritt er plötzlich als Liedermacher auf. Wie kommt es dazu?
Peer Christian Stuwe: Ich habe schon als Kind Gedichte geschrieben, und seither eigentlich immer. Als Sextaner (am Laurentianum) habe ich mal einen Gedichtwettbewerb gewonnen und später in einer Klassenarbeit statt eines Stimmungsbildes ein Gedicht abgegeben (grinst). Der Deutschlehrer (…) kam mit rotem Kopf in die Klasse – und gab mir eine Vier minus dafür, der Feigling. Das hat mich dann doch geärgert – ich wollte entweder eine Eins oder eine Sechs.
Auch später habe ich neben dem Malen immer Gedichte geschrieben. Während des Studiums kam ich mit der von dem Surrealisten André Breton entwickelten „écriture automatique“, dem „automatisches Schreiben“ in Berührung, da kamen unglaublich skurrile Bilder zustande. (…). Vieles, was während (…) dieser Jahre entstanden ist, habe ich gesammelt. Das ist für mich noch immer eine unerschöpfliche Quelle.
Dichten ist das eine. Aber wie sind Sie zur Musik gekommen?
Stuwe: Ich spielte in den späten 60er Jahren in einer Band, - Beatband hieß das damals -, The Connection aus Ennigerloh. Damals musste ja alles „The“ heißen, und gesungen wurden natürlich Coversongs in Englisch. Deutsch ging damals nicht, das kam erst nach Udo Lindenberg. Wir hatten durchaus einigen Erfolg – aber am schönsten waren eigentlich die großartigen Chaosauftritte (lacht schallend).
Ihnen kommen Erinnerungen?
Stuwe: Wir haben mal in einer Kneipe in Ennigerloh gespielt. Der Bassist und ich waren schon eine Stunde vor dem Konzert da – und haben uns, sagen wir mal: etwas Mut angetrunken. Es wurde dann im Lauf des Auftritts so dramatisch, dass uns Wirt und Gäste erst beschimpften und dann rausschmeißen wollten – aber wir haben gesagt: Wir haben einen Vertrag bis 22 Uhr, und den erfüllen wir. Ich erinnere mich, dass wir den Beatles-Song Dizzy Miss Lizzy auf neun Minuten gezogen haben, normalerweise waren 3 Minuten das absolute Limit. Am Ende war die Tanzfläche leer.
Wann haben Sie damit begonnen, deutsche Lieder zu schreiben?
Stuwe: In den 70er Jahren begann Achim Reichel, der ehemalige Leadsänger von The Rattles, deutsche Volkslieder zu verrocken. Das hatten wir vorher aber schon mit Liedern von Hermann Löns gemacht. Während meines Studiums habe ich einige Jahre in einer großen WG in einem ehemaligen Kurhotel in Wolbeck gewohnt, wir hatten eine Art Hausband, die allerlei Musik machte, unter anderem irische und deutsche Folklore, - das war damals ziemlich in. Leute von Gruppen wie „Fiedel Michel“ waren dabei. In dieser Zeit, aber auch schon davor, habe ich eine ganze Menge Lieder auf Deutsch geschrieben. Bei einer Party setzte sich dann jemand auf meine geliebte 12saitige Gitarre, der Hals brach durch, und danach war erst mal Ruhe.
Und warum haben Sie jetzt wieder angefangen?
Stuwe: Weil meine Frau Ingrid als Vorstand einer Kunst-Stiftung in Bonn arbeitet, die erste Wochenhälfte nicht zu Hause ist, ich nicht gerne fernsehe und die Abende auf dem Land, besonders im Winter, lang werden können. Im Sommer kann man ja noch Motorrad fahren. Aber im Winter ist das Licht zum Malen um fünf weg. Da saß ich dann irgendwann auf dem Sofa, die Gitarre auf dem Schoß und plötzlich hatte ich wieder (…) Lust, Musik (…) zu machen. Da habe ich mich mit Willi Kleigrewe und Hermann Ueding in Verbindung gesetzt, mit denen ich früher schon bei The Connection gespielt habe – und daraus ist schließlich die Band „3Mann“ entstanden.
3Mann hat jetzt die erste CD „3 x 3 Gesänge“ vorgelegt. Der Sound und die Texte erinnern entfernt an die Lieder von Franz Josef Degenhardt.
Stuwe: Aber doch sehr entfernt. Degenhardt war immer sehr sozialkritisch. Mag sein, dass ich das auch bin – aber dann doch anders. Degenhardts Lieder waren eine Antwort auf die Adenauer-Ära.
Als junger Mann war das auch durchaus ein Thema für mich, klar. Wenn du 25 bist, bist du optimistisch, du denkst nicht so viel über Tod und Teufel nach. Oder du bist mit 27 schon tot. (…)
Ich bin heute der Meinung, dass sich die Welt im Wesentlichen kaum verändert hat, im Guten wie im Bösen. Jahrhunderte lang bewegt die Menschen das Gleiche – die Liebe, der Tod, der Frühling.
Heute haben die Leute im Gegensatz zum Mittelalter zwar ihre Zentralheizung – und sind doch ausgesprochen froh, nach einem langen Winter endlich wieder nach draußen zu kommen. Oder nehmen wir z.B. Hitler. Das ist nicht vorbei. Wenn der serbische General Mladic Zeit genug gehabt hätte, hätte er mit dem Morden erst aufgehört, wenn alle Moslems tot gewesen wären.
Eine pessimistische Lebenseinstellung?
Stuwe: Nein. Für mich war schon als junger Mann die Endlichkeit des Daseins eine entscheidende Bezugsgröße. Der Tod war und ist unser Zeithorizont und sollte eigentlich existenzieller Bezugspunkt aller Menschen sein. Ich war mir immer bewusst: Es muss meine Aufgabe sein, meine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.
Auf Ihrer neuen CD ist ein Lied mit dem Titel „Ich tausche nur die Räume“, das eigentlich einen anderen Eindruck vermittelt und eher Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod suggeriert.
Stuwe (seufzt): Dieses Lied ist eine Collage aus Originalzitaten aus Todesanzeigen, in denen der Verstorbene selbst in der Ich-Form zu uns zu sprechen scheint, uns Trost gibt und Mut zuspricht. Ursprünglich war dieses Lied als Reaktion auf einen, meiner Auffassung nach, seltsam verkitschten Umgang mit dem Tod gedacht. Aber als wir es dann spielten, war die Reaktion eine ganz andere. Statt wie erwartet eine Diskussion anzustoßen, waren die Zuhörer von dem Lied anscheinend tief berührt.
Und so ist es dabei geblieben
Mich wiederum hat das “Kinderlied“, in dem es um Verlassenheit geht, besonders angesprochen.
Stuwe: Dieses Lied hat unmittelbar mit meiner Arbeit als bildender Künstler zu tun. In der Ausstellungsreihe „Die Ästhetik des Profanen“ habe ich ein altes Brotmesser verwendet, das noch aus dem Haushalt meiner Großeltern stammt, dann bei meinen Eltern landete und das ich nach dem Tod meines Vaters geerbt habe. Der Titel des Kunstobjekts ist: “Papa schneidet Brot nicht mehr“, und so fängt auch das „Kinderlied“ an. Dieses Brotmesser ist für mich ein Symbol für Zeit, Vergänglichkeit und Verlassensein. Ein Verlassensein, das nicht nur die Verlassenheit eines Kindes, wie in meinem Lied, beschreibt, sondern die grundsätzliche Einsamkeit des Menschen meint, ein Verlassensein, das die Philosophen im Bild des „principium individuationis“, dem Prinzip der Vereinzelung, schon seit 3000 Jahren beschäftigt. Der Existenzphilosoph Martin Heidegger spricht in diesem Fall zutreffend vom Begriff des „Geworfensein des Menschen in die Welt“.
Es geht (auch) um die Frage, wie kann sich ein Mensch überhaupt mitteilen – und da kommt wieder die Kunst ins Spiel: Sie kann neue Wege der Kommunikation erschließen für Dinge, die man nicht in Worte fassen kann.
Auf Ihrer neuen CD sind neben ernsten auch sehr viele witzige Lieder, beispielsweise „Girls“, wo es um leichte Mädchen, Dominas und Schmusekätzchen geht.
Stuwe (grinst): Das ist ein Lied, das habe ich aus Erotik-Anzeigen aus lokalen Anzeigenblättern zusammen gestellt.
Auch die Strophe über Lady Cosima und Zofen?
Stuwe: Auch die. Es gibt da noch ganz andere, aber irgendwann hat meine Frau gesagt: Jetzt wird’s zu hart.
Am 3. Juli tritt „3Mann“ erstmals mit einem abendfüllenden Programm auf. Warum haben Sie dafür Saerbeck gewählt?
Stuwe: Erstens wohne ich hier. Zweitens sind wir mit „3Mann“ bereits zweimal bei Ausstellungen hier aufgetreten, und beide Male sind wir auf wohlwollendes Interesse gestoßen. Und ich spiele lieber vor eher kleinem Publikum. Ich bin ja nicht die Rampensau, mir ist es lieber, ich habe noch den Blickkontakt mit den Leuten. Und außerdem finde ich, dass Saerbeck solchen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen ist.
Ein bisschen aufgeregt?
Stuwe: Bisher kam es ja nicht so ganz genau drauf an, wir haben ja im Rahmen von Kunstausstellungen gespielt. Da haben die Zuhörer gesagt, wenn es mal nicht so klappte: Na ja, eigentlich ist er ja Maler und Bildhauer. Das ist jetzt anders.
Nein, der Maler hat keine Angst – nur ein bisschen.
(Das Interview führte Monika Gerharz, Westfälische Nachrichten, am 14.06.2011)